Das kleine Grübchen

TextMartin Troppa

Nicht Makel, sondern Markenzeichen: Die Einbuchtung in der Wange gilt heute als Inbegriff von Attraktivität. Eine Liebeserklärung ans Grübchen, das von Gesichtschirurgen mittlerweile sogar künstlich erzeugt wird

„Kleine, meist symmetrische Einziehung, die beim Lächeln bestimmte Gesichtsmuskeln verkürzt.“ So wird im Fachjargon die kleine Kerbe in den Wangen beschrieben. Dabei fehlt es Menschen mit Grübchen aus medizinischer Sicht an nichts. Sie sind vollkommen gesund und weichen nur optisch von ihren „glattwangigen“ Mitmenschen ab. Hauptverantwortlich für den kleinen Unterschied ist der zur Lachmuskulatur gehörige Musculus risorius, der sich bei Anspannung nach innen zieht und kleine Grübchen entstehen lässt.
In Asien werden diese als Zeichen für Glück und Fruchtbarkeit angesehen. Bei uns gelten Grübchen vielen als
attraktiv, als etwas Einzigartiges, Charmantes, vergleichbar mit der Zahnlücke von Madonna oder dem Muttermal von Cindy Crawford. Die beiden Stilikonen mit ihren sehr besonderen Gesichtern sind Paradebeispiele dafür, dass es sich bei den Stars wirklich um Menschen und nicht um perfekte Fantasiewesen handelt.
Was jedoch, wenn das Unvollkommene mehr und mehr an Trendpotenzial gewinnt und vermeintliche Makel zu Kriterien für Schönheit avancieren? In Zeiten fortschreitender Beliebigkeit verstärkt sich das Streben nach Individualität, nach Anderssein, nach dem Besonderen, dem Ungewöhnlichen und sogar Absonderlichen. Anderssein ist ein stummer Protest. Irgendwann ist das Grübchen nicht mehr nur die kleine Einbuchtung in der Wange, sondern Ausdruck standfester Verweigerung gegenüber dem unerbittlichen Schönheitsdiktat. Aus Models werden auf diese Weise Vorzeigerebellen einer ganzen Branche, die sich in einem einig sind: Interessante Gesichter gehören zu interessanten Persönlichkeiten. Demnach sind Grübchenträger alles andere als langweilig, eben weil sie nicht „makel“los sind.
Das Lachen von Frauen wie Miranda Kerr, Jennifer Garner oder Cheryl Cole lässt das freche Gemüt einer erwachsenen Ronja Räubertochter erahnen. Es ist beinahe so, als könnte die Gesichtskerbe sprechen und von sich behaupten: „Im Leben gibt es viel Wichtigeres als eine glatte Wange.“ Das Ungewohnte ist schön geworden. Ideal, wenn man von Geburt an mit einem derartigen Merkmal ausgestattet ist. Problematisch allerdings, wenn man als Normalo nichts dergleichen vorzuweisen hat. Es scheint so, als werde es immer wichtiger, „besonders“ zu sein.

Grübchen Op gewinnt immer mehr an Popularität

Ein verrückter Trend, der auch in Deutschland an Popularität gewinnt, ist die Grübchen-Operation. Durch eine schmerzhafte Nahttechnik wird die natürliche Muskellücke imitiert. Der Arzt zieht Wangengewebe durch einen kleinen Einschnitt in den Mundraum und vernäht es. Der Eingriff findet bei örtlicher Betäubung statt und dauert nur rund 20 Minuten. Größe und Position der Grübchen können von den Patienten individuell bestimmt werden. Doch die OP ist nicht für alle geeignet – sehr volle Wangen sind eher ungünstig, da die Nähte im stark ausgeprägten Fettgewebe nicht richtig halten. Auch starke Gewichtsschwankungen sind ein Risiko, hier können die künstlichen Grübchen sogar verrutschen. Man stelle sich das bizarr schiefe Lächeln nach der Grübchen-OP vor! Brustvergrößerung, Lippenfüllung und Hautstraffung – chirurgische Eingriffe sind mittlerweile zum Alltag geworden, manche werden einfach zwischendurch in der Mittagspause durchgeführt. Mit der Grübchen-OP erreicht der Trend eine neue Stufe der Absurdität. Würden Miranda Kerr, Jennifer Garner oder Cheryl Cole von dieser Entwicklung hören, verginge ihnen vermutlich das Lächeln.