Die Zahnlücke
Schönheitsmakel oder Markenzeichen?

TextRebekka Rein

Die Zahnlücke spaltet nicht nur das Gebiss, sondern auch die Meinungen der Ästheten. Über das Trendpotenzial der „Diastema mediale“.

„Eine offene Stelle, als Mangel empfunden“ – so wird im deutschen Sprachgebrauch die Lücke beschrieben und entsprechend mit Negativem assoziiert. Dabei fehlt es dem lückenhaften Gebiss im medizinischen Sinne kaum an etwas. Das „Diastema mediale“, so der Fachausdruck, ist meist erblich bedingt, und zwar durch ein tief sitzendes Lippenbändchen an der Innenseite der Oberlippe.

Durch eine plastische Operation des Bändchens oder gar die Entfernung des Gewebes zwischen den Zähnen sowie kieferorthopädische Behandlungen kann die Lücke behoben werden. Entscheidet man sich dafür, so ist der wohl sinnvollste Zeitpunkt jener vor dem Durchbruch der bleibenden Schneidezähne, meist zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr. Ob der kosmetische Eingriff immer sinnvoll ist, bleibt offen. Denn häufig ist ein kleiner Makel wie die Zahnlücke gerade das Einzigartige, Charmante. Man denke etwa an das Muttermal von Cindy Crawford, die markanten Augenbrauen von Cara Delevingne oder die verkürzten Daumen von Megan Fox. Alle drei Frauen Topmodels, alle drei mit besonderen Gesichtern. Ausgestattet mit Merkmalen, die uns zeigen, dass es sich bei besagten Stars tatsächlich um Menschen und nicht um perfektionierte Fantasiewesen handelt. Was passiert allerdings, wenn das Unvollkommene mehr und mehr an Trendpotenzial gewinnt und vermeintliche Makel zum Kriterium für Schönheit avancieren? In Zeiten fortschreitender Beliebigkeit verstärkt sich das Streben nach Individualität, nach dem Anderssein, dem Besonderen, dem Ungewöhnlichen und vielleicht sogar nach dem Absonderlichen. Anderssein ist gleichzeitig ein stummer Protest.

Mut .. zur Lücke – diese promis haben sie auch

Irgendwann ist die Lücke nicht mehr nur der kleine Freiraum zwischen zwei Zähnen, sondern vielmehr Ausdruck stand- fester Verweigerung, sich dem Diktat der Mode zu unterwerfen. Und aus perfekten Models werden Vorzeigerebellen einer ganzen Branche, die sich in einem wundersam einig ist: Interessante Gesichter gehören zu interessanten Persönlichkeiten. Geht es danach, so sind Zahnlückenträger alles andere als langweilig. Das Lachen von Frauen wie Léa Seydoux, Georgia May Jagger oder Vanessa Paradis lässt die Verwegenheit einer – zumindest optisch – erwachsen gewordenen Pippi Langstrumpf erahnen. Es ist beinahe so, als könne die Lücke sprechen und von sich behaupten: „Im Leben gibt es viel Wichtigeres als mich oder eine symmetrische Zahnreihe.“ Das Ungewohnte ist also schön geworden. Ideal, wenn man von Geburt an mit einem derartigen Merkmal ausgestattet ist. Problematisch allerdings, wenn man als Normalo keine Lücken vorzuweisen hat. Es scheint so, als werde es immer anspruchsvoller, „besonders“ zu sein. So ist es in Amerika, dem Land der weißen Zähne, zum Trend und sogenannten „IT Facial“ geworden, den Makel, die kleine Zahnlücke zwischen den beiden Schneidezähnen, künstlich zu erzeugen. Durch schmerzhafte Zahnentfernung und monatelanges Tragen diverser Schienen („Invisaligns“) kann die Lücke unter bestimmten Voraussetzungen nachträglich erzeugt werden. War man jahrzehntelang bemüht, jeden noch so kleinen Schönheitsfehler zu beheben, so geht man heute zum Zahnarzt, um sich die Vorderzähne spalten zu lassen … Hätte Madonna in den 80er-Jahren diese Entwicklung vorausahnen können, hätte sie womöglich doch eine Spange getragen und dem Albumklassiker „Keep it together“ optisch entsprochen.

Fotos © Gareth Cattermole/gettyimages.de, Pascal Le Segretain/gettyimages.de, Jason Merritt/TERM, Stuart C. Wilson, Jason Merritt, David Livingston/gettyimages.de