Mundgesundheit: Darum ist die richtige Zahnpflege so wichtig

TextAlexandra Brechlin

Lässt die Mundgesundheit zu wünschen übrig, hat das Auswirkungen auf den gesamten Organismus, denn beides ist nicht voneinander zu trennen.

Merke: Gesund beginnt im Mund! Studien der letzten Jahre machen deutlich, dass Mundgesundheit und Allgemeingesundheit sich gegenseitig stark beeinflussen. Gerade bei Erkrankungen des Zahnhalteapparats handelt es sich nicht einfach nur um lokale Erkrankungen, sie können sich schnell, wie Ärzte sagen, systemisch auswirken. Chronische Entzündungen, wie zum Beispiel eine Parodontitis oder Peri-Implantitis, können eine Reaktion des gesamten Immunsystems auslösen.

„Gesunde Zähne, gesundes Zahnfleisch und frischer Atem sind eine Gesundheitsgarantie“, erklärt auch Ueli Breitschmid, CEO und Eigentümer von Curaden. „Dass aber die Zusammenhänge derart stark ausgeprägt sind, erstaunt heute die gesamte Gesundheitsindustrie, angefangen beim Zahnarzt über den Herzspezialisten bis hin zum Psychiater.“ Wie sehr die Mundgesundheit unser ganzes Immunsystem beeinflusst und welche entscheidende Rolle Darmbakterien dabei spielen, wird immer klarer.

 

DIE VERDAUUNG BEGINNT IM MUNDBEREICH

Ein Teil der schlechten Bakterien zum Beispiel, die im Darm für Krankheiten sorgen, sind meist über den Mund erst dahingekommen. Genauso wie der Darm bzw. die Verdauung von der richtigen Zerkleinerung und dem Einspeicheln der Mahlzeit abhängig ist, so sind unsere Zähne, unser Zahnfleisch und auch unsere Knochenverhältnisse im Mundbereich vom Darm abhängig.
Glücklicherweise hat sich in den letzten vierzig Jahren einiges im Bereich der Mundgesundheit getan. Pflegemittel wie Zahnbürsten, Zahnpasten, Interdentalbürsten, Mundwasser, Fluoride in Pasten und Mundwasser konnten das Vorkommen von Karies zu 95 Prozent verringern. Und Parodontitis sei bei Jugendlichen praktisch nicht mehr existent, sagt Prof. Dr. med. dent. Ulrich P. Saxer, Fachzahnarzt für Parodontologie in Zürich. „Allerdings zeigen sich auch weltweit eine Zunahme des Gewichtes schon bei Kindern, Adipositas und direkt damit verbunden Diabetes. Beide Erkrankungen werden gesteuert über den Darm bzw. das Mikrobiom.“
Das sogenannte Mikrobiom im Darm beinhaltet über 1.000 verschiedene Bakterienarten und kann bei einem erwachsenen Menschen bis zu zwei Kilogramm an Masse aufweisen. Allein dass Menschen mehr Bakterien im Darm haben als Zellen, sagt also bereits aus, wie wichtig der Darm für die Gesundheit ist. Unser Darmmikrobiom beeinflusst unsere Verdauung, unser Immunsystem, unseren Stoffwechsel und unsere Hormone.
Und genau diese Darmflora wiederum wird durch die Mundhöhlenbakterien beeinflusst und umgekehrt. Prof. Dr. med. dent. Ulrich P. Saxer führt dazu aus: „Vor allem wenn ‚schlechte‘ Bakterien vom Mund über den Magen in den Darm gelangen – also verschluckt werden. Beim Vorliegen einer starken Gingivitis oder Parodontitis kann dieser Transfer sogar auf dem Blutwege erfolgen. Dann nehmen auch noch andere Bereiche wie zum Beispiel direkt die Gefäßwände Schaden.“
Die Folge sind eine Übersäuerung des Körpers und eine Milieuveränderung im Darm, der Körper „verschlackt“ und Fremdstoffe sammeln sich an. „Das ganze Immunabwehrsystem wird über das Mikrobiom gesteuert“, erklärt Prof. Dr. med. dent. Ulrich P. Saxer.
„Ist die Immunabwehr nicht mehr fähig, richtig zu funktionieren, ist es sogar den im Körper immer befindlichen und kontrollierten Krebszellen möglich, sich unkontrolliert zu vermehren, zu wachsen, was dann also zu einer Krebserkrankung führen kann.“

 

CHRONISCHEN KRANKHEITEN AUF DEN GRUND GEHEN

Leider bringen nur die wenigsten Menschen ihre gesundheitlichen Probleme mit ihrem Immunsystem oder ihrem Darm in Verbindung und versuchen lediglich, die Symptome „in den Griff“ zu bekommen. Damit ist aber die Ursache weder gefunden noch beseitigt.
Ueli Breitschmid sagt dazu: „Viel liegt an der aktuellen Ausbildung der Mediziner. Wenn man davon ausgeht, dass, ‘Gesund beginnt im Mund‘ stimmt, dann verwundert es, dass weder Ärzte noch Zahnärzte oder Apotheker im Studium gelernt haben, woher die von ihnen meisttherapierten chronischen Krankheiten kommen können, beziehungsweise was die Mund- und Zahnkrankheiten sekundär und tertiär bewirken.“
Dabei lässt sich oft bereits im Mund sehen, inwiefern die Funktion des Darms gestört ist. Das orale Mikrobiom und das Darmmikrobiom sind nämlich coabhängig.
Insbesondere die Spalten oder Taschen zwischen Zähnen und Zahnfleisch, die sogenannte gingivale Spalte, sind Orte, in denen sich aggressive Bakterien besonders wohlfühlen. Bis hierher reichen Zahnbürsten nicht, ein idealer Nährboden für Bakterien. Diese erzeugen Plaque, um sich vor den harten Bedingungen in unserem Mund zu schützen, und stehen über die Blutgefäße des Zahnfleisches in engem Kontakt mit unserem Immunsystem.

WIE EINE OFFENE WUNDE IM MUND

Wer eine ausgeglichene Mundflora besitzt, muss davor keine Angst haben. Probiotische Bakterien sorgen für einen Ausgleich und dafür, dass sich die schädlichen Keime nicht weiter ausbreiten. Ein gesundes Mikrobiom im Mund ist daher die erste Verteidigungslinie des Körpers und schützt das größere Mikrobiom im Darm.
Erst wenn die Plaque der schädlichen Bakterien überhandnimmt, müssen diese Stellen im Mund wie eine offene Wunde betrachtet werden. Dann können Blutungen entstehen, die ein erstes Anzeichen für eine Entzündung sind.
Von hier aus werden die Bakterien in die Blutbahn geschwemmt und lösen so an anderen Stellen im Körper weitere Entzündungen aus. Zusätzlich gelangen entzündungsfördernde Botenstoffe in die Blutbahn, welche die Elastizität der Arterien herabsetzen und damit einer Arteriosklerose Vorschub leisten können. Die Arteriosklerose wiederum kann das Risiko erhöhen, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.
Es ist möglich, dass die Bakterien durch den Kreislauf in den gesamten Körper gelangen und sich somit auch in und auf anderen Organen ansiedeln. Arthrose sowie Frühgeburten können ebenfalls in Zusammenhang mit Erkrankungen der Zahnwurzel und dem Abbau des Kieferknochens stehen.

DER MUND IST DAS TOR ZUR GESUNDHEIT

Wer nur einen Tag auf die Plaqueentfernung verzichtet, sieht einen Biofilm entstehen, der über die Zeit dicker wird. Ein Nährboden für Bakterien. Das jahrhundertalte Zitat von Paracelsus hat damit bis heute noch nicht an Relevanz verloren: „An jedem Zahn hängt ein ganzer Mensch.“
Darum verfolgt die ganzheitliche Zahnmedizin bereits seit Jahren den Ansatz, dass Zähne und Mundraum der Ursprung vieler akuter und chronischer Krankheiten sind und der Mund quasi ein Tor zur Gesundheit darstellt. Selbst Krebs kann durch gute Mundhygiene unter Umständen verhindert werden. Prof. Dr. med. dent. Ulrich P. Saxer erklärt: „Eine gesunde Mundhöhle, aus der keine pathogenen Keime in den Körper oder den Darm gelangen können, unterstützt die allgemeine Gesundheit. In diesem Sinne beginnt sie in einer gesunden Mundhöhle, dem Eingang fast aller Stoffe, die in den Körper gelangen.“

DER ZAHN ALS EIGENER ORGANISMUS

In der östlichen Gesundheitslehre wird sogar jedem Zahn ein Organ zugeordnet. Ist der Zahn erkrankt, so die Theorie, kann sich dies an dem jeweiligen Organ äußern und umgekehrt. Vor allem in der chinesischen Medizin findet dieses Prinzip bereits seit 4.000 Jahren Anwendung, auch wenn es hierfür keine fundierten wissenschaftlichen Nachweise gibt. Laut dieser Theorie verursachen erkrankte Schneidezähne beispielsweise im gesamten Nieren-, Schilddrüsen- und Blasenbereich Erkrankungen. Die Eckzähne stehen in enger Beziehung zu Leber, Galle und Augen. Die kleinen und großen Backenzähne beeinflussen die Magen- und Darmgesundheit. Die Weisheitszähne geben Aufschluss über die Gesundheit von Dünndarm und Herz.

DIE RICHTIGE PRÄVENTION IST DER ANFANG

Erwiesen ist jedoch: Mit einer guten Mundhygiene und mit der richtigen Ernährung kann jeder individuell zur Verminderung von Entzündungen beitragen oder diese sogar ganz vermeiden. „So haben Wissenschafter in Würzburg festgestellt, dass der Verzehr von Salat einen positiven Einfluss auf die Gesundheit ausübt, unter anderem wurde hoher Blutdruck gesenkt“, so Prof. Dr. med. dent. Ulrich P. Saxer. „Es steht heute fest, dass über die Ernährung und das Mikrobiom im Darm wesentliche Abläufe im menschlichen Organismus gesteuert werden. Natürliche Produkte und faserreiche Ernährung beeinflussen den Darm, dessen Schleimhaut und vor allem die darin vorkommenden Bakterien positiv. Dazu gehören Naturprodukte wie Früchte, Salate, Fisch, aber keine vorbereitete, abgepackte und mit Konservierungsmitteln versetzten Nahrungsmittel, kein Fast Food, sondern frisch in der Küche zubereitete Kost.“
Neben regelmäßigem Zähneputzen sollte man sich darum auch dem gesamten Mund widmen. „‚Rundum sauber‘ betrifft konkret und speziell auch den Zahnfleischsaum zwischen den Zähnen. Dort ist der kritische Ort, vor allem zwischen den Backenzähnen“, so Ueli Breidschmid. „Dass es heute trotz Großverbrauchs von Zahnpasten, Mundwässern und Zahnbürsten immer noch so viele Menschen mit Zahnfleischbluten und Zahnbettentzündung gibt, hat weitestgehend damit zu tun, dass kaum jemand regelmäßig und gründlich mit den geeigneten Interdentalbürsten seine Zahnzwischenräume pflegt.“
Diese Bürstchen sind laut Breitschmid für eine richtige Zahnpflege unentbehrlich, denn selbst die beste Zahnbürste komme nicht in diese winzigen Zwischenräume. Viele Bakterien in der Mundhöhle leben zudem auf dem Zungenrücken. Vor allem auf dem hinteren Drittel lassen sie sich reduzieren, in dem auch die Zunge regelmäßig geputzt wird. Geeignete Werkzeuge dafür sind ein Zungenschaber oder eine Zungenbürste. Auch desinfizierende Mundspülungen wirken antibakteriell und vermindern die Anzahl der Keime im Mund.
„Ein gesunder Mund ist nur möglich, wenn ich weiß, was wie und womit zu tun ist“, sagt Ueli Breitschmid. Er empfiehlt jedem spezielle „Mundgesundheits-Trainer“ und natürlich einen Zahnarzt, der regelmäßig zweimal im Jahr besucht wird, denn: „Alles, was in den Körper gelangt, geht durch den Mund. Ein gesundes Mikrobiom im Mund sorgt für ein ausgeglichenes und gesundes Darm-Mikrobiom – welches seinerseits auf vielfältige Weise sowohl für die Konditionierung des Immunsystems als auch die Zufuhr essenzieller Elemente und Mikroelemente verantwortlich ist.“ Auf den Punkt gebracht bedeutet das also: „Ein gesunder Mund ist die beste Garantie, um die Gesundheit insgesamt und die Lebensqualität zu schützen.“

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