Online Etikette: So geht's richtig

TextMartin Troppa

Als eine der ältesten menschlichen Tugenden ist Höflichkeit auch im Internet wichtig. Doch wer mit seinen Mitmenschen via Messenger, Facebook und Co. kommuniziert, scheint genau das oft zu vergessen

Der moderne Mensch unterbricht Aug-in-Aug-Gespräche mit anderen Personen wegen eines Telefonats, verschickt mi- nutenlange (sinnlose) Voicemails und liest in sozialen Netzwerken wie Facebook lieber die neuesten Hetzkommentare und Falschmeldungen, als sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Wenn heutzutage noch kommuniziert wird, dann ungefähr so: Zuerst kommt die eigentliche Nachricht via Telegram, WhatsApp, E-Mail etc., auf die es keine Antwort gibt. Also geht man über zur Nachfrage, zuerst ganz standardmäßig-verständnisvoll: „Ist sicher gerade richtig viel los, oder? Ist die Nachricht vielleicht einfach durch einen der tausend Spamfilter gerutscht?“ Ein paar Tage später versucht man es dann noch mal superfreundlich mit einem „Huhu, hallo, würd mich echt freuen!“. Und am Ende wird schließlich ein echter Klassiker herausgekramt, den man auch aus anderen Lebenslagen kennt: „Es liegt nicht an dir, es ist ganz allein meine Schuld, wahrscheinlich stimmt irgendwas mit dem Account/mit Messenger nicht. Die Nachricht von vor vier – ach was, acht! – Wochen ist ganz sicher nie angekommen. Dickes Sorryyy!“ Und die Reaktion darauf? Keine. Dass besonders ältere Generationen spätestens an dieser Stelle gerne den „Untergang alter Tugenden und Werte“ monieren, sei ihnen zugestanden. Oft möchte man sich ja selbst gerne zurufen: Jetzt benimm dich zu deinem Gegenüber doch mal anständig! Denn damit eine Gemeinschaft auch wirklich funktioniert, hat der Mensch nicht umsonst schon vor Tausenden von Jahren Höflichkeitsregeln festgelegt, an die sich ganz selbstverständlich jeder hält – es sei denn, er ist am Smartphone und im Internet unterwegs.

Anoymität im Internet

„Der durch das Internet entstehende lockere Kontakt senkt die Hemmschwelle. Man sieht seinen Gesprächspartner nicht vor sich und bekommt die unmittelbare Reaktion nicht mit“, sagt Rainer Wälde, Vorsitzender des Deutschen Knigge-Rates und Autor des Buches „Guter Stil. Mit Gefühl, Takt und Umsicht zum Erfolg“. Das merkt man auch regelmäßig im Umgang mit Facebook. In den Kommentarspalten unter gewissen Beiträgen wird hier gerne mit allem Möglichen und Unmöglichen beleidigt, was die deutsche Sprache an Schimpfwörtern bereithält. Der Grund dafür ist, dass viele glauben, im Internet noch immer ganz anonym unterwegs zu sein. Dabei ist das schon lange nicht mehr so. „Die Zeiten, in denen sich Menschen online ein zweites Ich geben konnte, sind eigentlich vorbei“, so Rainer Wälde. „Wenn man Beiträge postet oder gewisse Themen anspricht, sollte man sich sich auch auf eine Diskussion und entsprechende Kommentare einstellen.“ Grundlage für ein Benehmen im Netz geben Regeln, die unter dem Wort „Netiquette“ zusammengefasst sind. „Dabei legt jeder Betreiber einer Seite, zum Beispiel eines Forums oder einer Facebook-Gruppe, seine Netiquette selbst fest“, so Wälde. Eine Faustregel gibt es dennoch: „Den gesunden Menschenverstand einschalten!“

Der gesunde Menschenverstand

Frei nach Kant sollte man sich hier seines eigenen Verstandes bedienen. Der sicherste Weg zu einem guten Auftritt in sozialen Netzwerken sei es darum, sich zu fragen, welche Dinge man auch in der Kaffeeküche, im Büro oder auch entfernten Bekannten erzählen würde. Auch Belästigungen in Form „nervender Spiele oder Anwendungen“ oder „unbequemer Einträge“ auf der Pinnwand fallen in die Kategorie „schlechtes Benehmen“. Rainer Wälde: „Es geht – wie auch offline – viel weniger um das genaue Einhalten von Regeln, sondern um ein soziales Grundverständnis. Viel wichtiger, als formvollendete Tischmanieren zu beherrschen, ist es, seinem Gesprächspartner eine wertschätzende Grundhaltung entgegenzubringen – und das gilt natürlich auch online.“

Der gläserne Mensch

Zusätzlich empfiehlt Rainer Wälde jedem Menschen, der online unterwegs ist, seinen Account zu teilen und zum Beispiel Freundschaftslisten in „Familie“ und „Beruf“ zu unterteilen. Denn: „Die Netzwerke bieten verschiedene Möglichkeiten, Kontakte in bestimmten Gruppen zu organisieren. Eine Kommunikation via Social Media geht immer über das reine Posten von Texten und Bildern hinaus“, erklärt er. „Auch das Liken und Favorisieren von Beiträgen anderer Nutzer sind klare Aussagen im Netz. Wir müssen verstehen, dass das Internet uns nicht unsichtbar macht und erst recht kein rechtsfreier Raum ist, in dem plötzlich ganz andere Regeln als in der realen Welt gelten.“

Zur Person: Rainer Wälde ist Vorsitzender des Deutschen Knigge-Rats und Autor des neuen Ratgebers „Personal Branding. Natürlich erfolgreich. Auch bei Facebook, Twitter & Co.“.