TIO CARE: Wie Zähneputzen
die Welt rettet

TextAlexandra Brechlin

Die wenigsten denken beim täglichen Zähneputzen daran, dass sie damit enormen ökologischen Schaden anrichten. Durch die ständig zu ersetzenden Zahnbürsten entsteht Plastikmüll, der sich nicht recyceln lässt. Nachhaltige Zahnbürsten verbessern die Ökobilanz erheblich.

Das Zähneputzen ist tagtäglich Bestandteil unseres Lebens – so selbstverständlich, dass wir ihm kaum bewusst Beachtung schenken. Dabei wird die Zahnbürste im Idealfall alle zwei Monate ausgetauscht – wie von Zahnärzten empfohlen. Das hinterlässt einen riesigen Berg Plastikmüll, der kaum recycelbar ist. Die ökologischen Schäden, die das verursacht, sind immens. Hier neu zu denken und Abhilfe zu schaffen ist das Ziel von Benjamin Beck und Fabian Ghoshal. Auf kickstarter.com haben die beiden Industriedesigner zu einer Crowdfunding-Kampagne aufgerufen und produzieren inzwischen die Zahnbürsten „Tio Care“, die der Umwelt nicht schaden. Wir haben mit Benjamin Beck gesprochen.

Woher kam Ihre Idee zu Tio Care?

Benjamin Beck: Florian und ich haben uns in München an der Universität kennengelernt. Wir haben hier beide zusammen Produktdesign studiert und später gemeinsam bei einem Start-up gearbeitet, der Biokunststoff in Indien produziert. Während eines gemeinsamen Urlaubs kam uns schließlich die Idee zu Tio Care. Als Produktdesigner setzt du dich jeden Tag mit einer Menge „Unsinn“ auseinander und fast alle Gegenstände werden immer aus den gleichen Materialien produziert. Es ist wenig Platz für Innovationen und genau das wollten wir anders machen.

Wie sind Sie dann ausgerechnet bei dem Thema „Dental Care“ gelandet?

Wir wollten ein Produkt verbessern, das eigentlich bereits „vollendet“ ist, also einen Gebrauchsgegenstand weiterentwickeln. Und so sind wir schließlich auf die Zahnbürste gekommen. Es war unser Ziel, eine Zahnbürste, die ja ein klassischer Wegwerfgegenstand ist, zu entwickeln, mit der sich die Zähne bestmöglich putzen lassen und mit der wir gleichzeitig die Umweltbelastung auf ein Minimum reduzieren. Eigentlich war Tio Care auch nur als Portfolio-Projekt gedacht, aber die Idee ging schnell viral, wir landeten auf Kickstarter und inzwischen kann man uns online, aber auch in vielen Biosupermärkten wie zum Beispiel bei Bio Company kaufen.

Inwiefern sind Tio-Zahnbürsten nun nachhaltiger als andere Zahnbürsten?

Zunächst wird durch die austauschbaren Köpfe bis zu 70 Prozent weniger Müll produziert. Die Köpfe selbst bestehen aus Biokunststoff, der wiederum aus nachwachsenden Rohstoffen besteht. Tio Care verzichtet auch auf den Einsatz von giftigen Weichmachern und tierischen Produkten. Die in Deutschland hergestellten Zahnbürsten sind also auch zu 100 Prozent vegan. Zusätzlich konnte durch die Implementierung von Biokunststoffen in allen Teilen der Zahnbürste die Klimabilanz im Vergleich zu einer herkömmlichen Zahnbürste drastisch reduziert wer den. So wird das Treibhauspotenzial um 166 Prozent verringert. Und auch die Verpackung beschränkt sich auf ein Minimum. So wird nur der wirklich „wichtige“ Teil, nämlich der Bürstenkopf, verpackt, um ihn vor Bakterien zu schützen.
Um die Benutzerfreundlichkeit zu gewährleisten, haben wir zudem mit führenden Zahnspezialisten wie Prof. Dr. Stefan Zimmer, Leiter des Departments für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Universität Witten/Herdecke, zusammengearbeitet. So waren wir in der Lage, optimale Zahnpflege unter Berücksichtigung des neuesten Stands der Forschung zu gewährleisten.

Umweltbewusstes Denken wird in unserer Welt immer wichtiger. Warum glauben Sie, dass es so wichtig ist, dieses Umweltbewusstsein auch im Dental-Care-Bereich auszuweiten?

Ich denke, dass unsere Welt ohne ein Umdenken von uns Menschen nicht mehr lange existieren wird. Insbesondere als Designer hat man hier eine Verantwortung und sollte stärker darauf achten, welche Produkte man entwickelt. Dennoch muss man noch immer, will man ein nachhaltiges Produkt auf den Markt bringen, jede Menge Mut beweisen. Noch haben wir leider kein Wirtschaftssystem gefunden, das es uns ermöglicht, erst einmal zu experimentieren, zu forschen und abzuwägen, ob man wirklich auf diese oder jene Rohstoffe zurückgreifen will. In unserer Welt muss alles immer noch viel zu schnell gehen und jeder ist nur auf maximalen Profit in kurzer Zeit aus.

Wie waren denn die Reaktionen von außen, als Sie angefangen haben, Tio Care zu entwickeln?

Ehrlich gesagt war der Anfang sehr schwer. In der ersten Zeit hat sich kaum jemand für nachhaltige Produkte, insbesondere im Zahnpflegebereich, interessiert. Erst durch die Ocean-Awareness-Bewegung wurden immer mehr Leute auf das Thema aufmerksam. Zum Glück, muss man sagen. Aber es gibt noch eine Menge zu tun.

Was sind Ihre Ziele für die Marke Tio Care?

In erster Linie hoffen wir natürlich, dass wir mehr Vertriebspartner bekommen, unser Marketing ausbauen und allgemein bekannter werden. Aber natürlich wollen wir auch unser Produktportfolio vergrößern. Das Prinzip von Tio Care ist ja nicht nur auf Zahnbürsten anwendbar, sondern lässt sich auch auf ganz andere Lebensbereiche ausdehnen. Erst einmal wollen wir uns natürlich weiterhin im Bereich der Zahnpflege bewegen, das ist unser Standbein. Aber wer weiß, vielleicht gibt es irgendwann auch nachhaltige Verpackungen von Tio in der Duschpflege?

Fotos © TIO Care